Ursprünge des Südtiroler Bildungszentrums

Das Südtiroler Bildungszentrum (kurz SBZ) wurde 1971 als Genossenschaft mit beschränkter Haftung, die auf dem Gegenseitigkeitsprinzip beruht und keinen Erwerbszweck verfolgt, gegründet. Gemäß Statut verfolgt das SBZ die Zielsetzung, Bildungsvorhaben in Südtirol durch ideelle und materielle Hilfe zu fördern sowie bestehende Lücken in diesem Bereich durch eigene Veranstaltungen zu schließen.

Rolle und Verdienste des SBZ

Das SBZ hat über Jahrzehnte eine wichtige Rolle als privater Träger von Projekten und als Anlaufstelle für kulturelle Belange im weiteren Sinne wahrgenommen. Grundlage hierfür war die Unterstützung der Landesregierung für Aufgaben von eminentem institutionellem Interesse für die kulturelle Konsolidierung des Landes in der Nachkriegszeit und begleitend zum Aufbau der autonomen Zuständigkeiten und der entsprechenden Strukturen. Das SBZ bot als Genossenschaft den Vorteil, solche Anliegen ohne die formalen Auflagen abwickeln zu können, denen die Landesverwaltung obliegt und ermöglichte auch die Nutzung zusätzlicher Finanzierungskanäle. Die Aufgabenpalette ging von der Unterstützung der kulturellen und künstlerischen Tätigkeit und der Ausbildung des lokalen Akademikernachwuchses über rechtsvergleichende Glossarien und Publikationen zum italienischen Recht und zum Steuerwesen in deutscher Sprache, bis hin zur Funktion als Inkubations- und Aufbaustätte für die Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe Claudiana, dem „Museion“ (Museum für zeitgenössische Kunst) der Europäischen Akademie „Eurac“, u.a.m.; sowie als länderübergreifende Plattform der Begegnung im Raum Tirol-Südtirol-Trentino.

Parauniversitäre Weiterbildung

Parallel zu den Werkstudentenkursen hat sich das SBZ in den 70er Jahren der Entwicklung und Durchführung von parauniversitären Ausbildungslehrgängen zugewendet. Um den Mangel an fachlich qualifizierten Ausbildern im Schul- und Vereinssport auszugleichen, organisierte das SBZ vom 1971 bis 1976 drei zweisemestrige Befähigungslehrgänge für Fachsportlehrer. Als im Jahre 1974 infolge eines bestehenden Akademikermangels zur Nachbesetzung der Gemeindesekretärsstellen das einschlägige Regionalgesetz dahingehend abgeändert wurde, dass für einen vorübergehenden Zeitraum (bis 31.12.1986) auch Maturanten zur Besetzung von Gemeindesekretärsstellen zugelassen waren, sofern sie einen Befähigungslehrgang für Gemeindesekretärsanwärter besuchten und abschlossen, hat das SBZ einen zweijährigen Befähigungslehrgang für Gemeindesekretärsanwärter konzipiert und bis 1986 mehrmals durchgeführt. Von 1987 bis 1998 wurden diese Lehrgänge für Akademiker einjährig fortgesetzt. Zur Förderung des zweiten Bildungsweges auch im Mittel- und Oberschulbereich hat das SBZ bis Mitte der 80er Jahre der Arbeitsgemeinschaft zweiter Bildungsweg (AZB) unentgeltlich seine Sekretariatsstrukturen zur Verfügung gestellt.
Ende der  70er Jahre wurde dem SBZ von der Südtiroler Landesregierung der Auftrag für die Durchführung von  medizinischen, nicht ärztlichen Lehrgängen erteilt: beginnend mit dem Lehrgang für medizinisch technische Assisitenten folgten die Studiengänge für Physiotherapeuten, Logopäden, Diätassistenten usw. Insgesamt wurden Lehrgänge für 14 verschiedene Berufsbilder organisiert.
Im Jahre 1996 wurde zum Zwecke der Durchführung dieser Studiengänge die ARGE, eine Arbeitsgemeinschaft zwischen den vier Sanitätsbetrieben und dem Südtiroler Bildungszentrum, als Träger der Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe Claudiana gegründet. Seit 2005 ist die Claudiana eine eigenständige Fachhochschule für Gesundheitsberufe.

Postuniversitäre Weiterbildung

Als Ende der 70er Jahre die Facharztausbildung von Südtiroler Ärzten an der Universitätsklinik Innsbruck drohte, abgebrochen zu werden, bemühte sich das SBZ um die Einrichtung von 14 außerplanmäßigen Ausbildungsstellen für Südtiroler Facharztanwärter. Auf diese Weise konnten rd. 35 Südtiroler ihre Facharztausbildung an der Universitätsklinik Innsbruck absolvieren, bis 1986 eine offizielle Regelung zustande kam.
Im Jahr 1994 hat das Südtiroler Bildungszentrum auf Anfrage einiger Juristen das Konzept für einen Vorbereitungslehrgang auf die Anwaltsberufsbefähigungsprüfung ausgearbeitet. Der auf Fallstudien und Übungen aufgebaute Lehrgang wird seither jedes Jahr mit großem Erfolg durchgeführt.Seit ihrer Gründung im Jahr 2002 ist die “Stiftung der Südtiroler Anwaltschaft” Träger des Lehrganges und hat das SBZ mit der Organisation und Durchführung betraut. Aufgrund nationaler Richtlinien muss in jeder  italienischen Anwaltskammer eine Anwaltsschule eingerichtet werden, in welcher auch ein Vorbereitungslehrgang auf die Anwaltsberufsbefähigungsprüfung angeboten wird. Deshalb hat die Stiftung Südtiroler Anwaltschaft seit dem Jahr 2009 diese Aufgabe selbst übernommen.

Autonomie- und Paketbezogene Vorhaben

Das Inkrafttreten des zweiten Autonomiestatuts hatte eine beträchtliche Ausweitung der Zuständigkeiten der Landesregierung zur Folge, was eine Reorganisation der Landesverwaltung erforderlich machte. Mitte der 70er Jahre hat das SBZ im Auftrag der Südtiroler Landesregierung und mit Hilfe von österreichischen und italienischen Experten ein erstes Konzept für die Ämterordnung des Landes Südtirol ausgearbeitet. In der Folge wurde die Spitze des SBZ mit der schwierigen Aufgabe betraut, den Landesentwicklungsplan, den Landesgesundheitsplan und den Landesraumordnungsplan auszuarbeiten.
Anfang der 80er Jahre wurde in den allgemeinbildenden Oberschulen das Fach Wirtschafts- und Rechtslehre in das Lehrprogramm aufgenommen. Das SBZ setzte eine aus Fachleuten bestehende Projektgruppe zur Ausarbeitung eines diesbezüglichen Lehrbehelfes zusammen. 1985 konnte der erste Band unter dem Titel „Wirtschafts- und Rechtslehre“ herausgegeben werden, 1988 kam der zweite Band hinzu. Mit einer Reihe von Seminaren führte das SBZ die mit dem Wirtschafts- und Rechtsunterricht betrauten Lehrer in dieses Fach ein.
Die mit dem Zweiten Autonomie-Statut (1972) festgelegte Gleichstellung der beiden Landessprachen als Amtssprachen hatte zur Folge, dass die Verfügbarkeit von sprachlich einwandfreien deutschen Gesetzestexten unumgänglich wurde. So kam es, dass das Südtiroler Bildungszentrum die Übersetzungen der italienischen Gesetzeswerke ins Deutsche initiiert und betreut hat. In der Zeitspanne zwischen 1982 und 1997 sind insgesamt 11 zweisprachige Ausgaben von Gesetzeswerken in der sogenannten „Blauen Reihe“ herausgegeben worden.
Von 1998 bis 2010 unterstützte das SBZ die Herausgabe der Sammlung der Leitsätze der Urteile des Verwaltungsgerichts Bozen.
Die Durchführungsbestimmungen zum Paket sehen die Zweisprachigkeit in allen öffentlichen Ämtern vor. Damit war es erforderlich geworden, in Südtirol auch für den Gebrauch einer korrekten deutschen Steuerfachsprache zu werben. Mit dem 1986 erschienenen „italienisch-deutschen Steuerglossar“ hat das SBZ das hierfür unentbehrliche Instrumentarium geschaffen. Als Folge der Herausgabe des italienisch-deutschen Steuerglossars konnte überdies erreicht werden, dass die italienische Steuerlehre als viersemestriges Wahlfach in das reguläre Studienangebot an der Universität Innsbruck eingebaut wurde.
In den Jahren 1987 und 1993 hat das SBZ im Auftrag der Landesregierung einen Vorbereitungskurs auf die Wettbewerbsprüfung für Kindergärtnerinnen durchgeführt.
Im März 1988 griff das SBZ das durch das Zusammenwachsen der EU immer aktueller werdende Thema der Mehrsprachigkeit im Wirtschafts- und Rechtsleben auf und veranstaltete ein internationales Symposium unter der Schirmherrschaft des Europarates.
Die jahrelange Betreuung von Aufgaben im Bereich des Rechtslebens führte im Jahre 1989 zur Beauftragung des SBZ von Seiten der Landesregierung, ein Projekt für die Schaffung eines geistig-intellektuellen Zentrums in Südtirol zu erstellen. Dieser Auftrag führte 1991 zur Gründung der „Europäischen Akademie Bozen“, einem Zentrum für Forschung und Fortbildung, vor allem in den Fachbereichen Recht und Sprache, Ökologie im Alpenraum und Volksgruppen- und Autonomieforschung.
1990 gelang es, mit Hilfe des SBZ in Südtirol eine „Juristische Gesellschaft“ zu gründen, welche künftig die bisher vom SBZ wahrgenommenen Aufgaben im Bereich des Rechtslebens übernehmen sollte.

Kunst- uns kulturbezogene Vorhaben

Als Ende der 70er Jahre der Beruf des Steinmetzes auszusterben drohte, gelang es dem SBZ zusammen mit der Gemeinde Laas bei der Südtiroler Landesregierung das Einverständnis zur Wiedererrichtung einer dreijährigen Steinmetzschule zu erlangen. Seit 1982 gibt es daher im Rahmen der Südtiroler Berufsschule die Laaser Fachschule für Steinbearbeitung, deren Absolventen als handwerkliche Qualifikation den Gesellenbrief erwerben.
Kunst war dem damaligen Präsidenten des SBZ, Karl Nicolussi-Leck, seit jeher ein Anliegen gewesen und ein besonderes Augenmerk hatte er immer der Kunst im öffentlichen Raum gewidmet.
Deshalb begann man sich im Jahre 1982 im Bildungszentrum Gedanken darüber zu machen, wie man die in den letzten 20 Jahren so seelenlos und vorwiegend nach technisch-ökonomischen Gesichtspunkten aus dem Boden gestampfte Bausubstanz durch künstlerische Gestaltung verschönern und die Lebensqualität in diesen Gebieten erhöhen könnte.
So wurde das „Forum für die Gestaltung der verbauten Umwelt“ ins Leben gerufen. Im Rahmen dieses Forums wurde vorerst die „Freskoschule“ gegründet, in welcher ein Team von Künstlern, Architekten, Landschaftsplanern und Handwerkern in den Jahren von 1982 bis 1985 verschiedene Siedlungen in Südtirol künstlerisch gestaltet haben.
Fortgesetzt wurde das Vorhaben zur künstlerischen Gestaltung der verbauten Umwelt durch ein internationales Schmiedekünstler-Symposium am Ritten, 1990 folgte das Symposium für Mosaik im öffentlichen Raum, 1991 ein internationales Künstler-Symposium für Objektkunst mit Nutzungsmöglichkeiten im öffentlichen und privaten Raum und 1992 das Künstler-Symposium „? Kunst?“ am Ritten.
Aus den Veranstaltungen im Rahmen des „Forums für die Gestaltung der verbauten Umwelt“ ist das Bedürfnis erwachsen, in Südtirol einen kreativen Treffpunkt zu schaffen. Diesem Bedürfnis wurde 1986 mit der Gründung der „Visuellen Werkstatt“ Rechnung getragen. Unter der Leitung von namhaften Fachleuten und Künstlern bot die Visuelle Werkstatt viele Jahre lang Kurse in Aktzeichnen, Druckgraphik, Umgang mit Farbe, plastisches Gestalten, Bühnenbildgestaltung sowie für Fotographie, Dunkelkammertechnik und Video an.
Mitte der 80er Jahre wandte sich eine Gruppe von Sängern und Pianisten mit dem Anliegen an das SBZ, in Bozen ein Liedinterpretationsseminar für Sänger und Pianisten unter der Leitung der weltweit bekannten Gesangspädagogen Erik und Ada Werba zu organisieren. Somit wurde dieses Seminar von 1986 bis zum Tod von Erik Werba im Jahre 1992 jedes Jahr mit großem Erfolg durchgeführt.
Die Nachfolge des verstorbenen Prof. Werba hat im Jahr 1993 zunächst Frau Ada Zapperi übernommen, von 1994 bis 2000 leitete Prof. Norman Shetler das Seminar und im Jahr 2001 fand es erstmals in abgeänderter Form als Meisterkurs für Oper, Lied- und Liedbegleitung und Ensemblegesang statt. Die Leitung des Kurses hatten die berühmte Sängerin Brigitte Fassbaender, der Pianist Prof. Norman Shettler und der Chorleiter Prof. Othmar Trenner gemeinsam inne.
In Ergänzung dieser Seminare werden seit dem Schuljahr 1986/87 auch ganzjährige Kurse für Stimmbildung mit Frau Henny von Walther, sowie seit 1992 das Interpretationsseminar für sängerische Körperschulung unter der Leitung von Prof. Kurt Widmer aus Basel, angeboten.
Immer im Bereich Musik sind in den Jahren 1988 und 1989 das einwöchige Seminar für Musikkritik und Musikberichterstattung, von 1993 bis 1995 der Meisterkurs für Blechbläser, 1995 und 1996 das Musikcamp in Brixen durchgeführt bzw. unterstützt worden.
Von 1986 bis 1989 bildete das SBZ durch einen dreijährigen Vollzeitlehrgang für Holzkonservierung und –restaurierung, welcher in einer eigens dafür eingerichteten Werkstatt im Landesdenkmalamt abgehalten worden war, 4 Absolventen einer Holzschnitzerschule zum Holzkonservator und -restaurator aus.
Von 1998 bis 2001 hatte das Südtiroler Bildungszentrum die Trägerschaft des Projektes “Erschließung historischer Bibliotheken” übernommen. Ziel des Projektes war die Aufarbeitung und Digitalisierung der historischen Buchbestände in Südtirols Bibliotheken.

Sonstige Initiativen

Das Südtiroler Bildungszentrum hat im Laufe der Jahre „Geburtshilfe“ für mehrere heute selbständig bestehende Vereine oder Genossenschaften geleistet. So hat es jahrelang das 1981 gegründete Kuratorium Schloss Prösels verwaltet, 1985 das Museum für Moderne Kunst ins Leben gerufen und 1992 bei der Gründung des Kuratoriums für technische Kulturgüter wesentlich mitgewirkt. Daneben hat es jahrelang die organisatorischen Sekretariatsarbeiten der kulturellen Vereinigung Contrapunkt, der Unterländler Künstlerwochen, der Theaterwerkstatt, des Vereins für Altbausanierung, des Medienvereines und des Südtiroler Schachbundes getragen.